Vor 30 Jahren hat die Generalversammlung des International Council on Archives (ICA) den „Code of Ethics” für Archivarinnen und Archivare veröffentlicht. Dieser wurde mittlerweile in 24 Sprachen übersetzt, besitzt aber nicht den Stellenwert eines Gesetzestextes oder einer konkreten Handlungsanweisung. Vielmehr handelt es sich dabei um eine Wertorientierung und die Schaffung einer gemeinsamen Basis für professionelles Handeln im Tätigkeitsfeld von Archiven. Aufgrund seiner Entstehung konnten die Schwierigkeiten moderner Datenethik jedoch noch nicht berücksichtigt werden. Obwohl der ICA-Standard bereits elektronische und multimediale Überlieferungen kennt, gab es in Deutschland, anders als in anderen Ländern, keine Weiterentwicklung einer archivischen Ethik, etwa mit Blick auf die Anpassung an aktuelle Entwicklungen wie elektronische Schriftgüter, Fachverfahren oder KI-Inhalte.
Archive und Ethik
28.08.2026 |
Gedanken zum 30. Archivwissenschaftlichen Kolloquium an der Archivschule Marburg
Umso wichtiger ist es also, dieses Thema wieder stärker in den Fokus zu rücken. Genau das versuchte das 30. Archivwissenschaftliche Kolloquium in Marburg am 26. und 27. August 2026. Das Programm bot vom Eröffnungsvortrag zum Thema „Datenzugang zwischen Offenheit und Verantwortung” bis zur Abschlussdiskussion mit dem Fokus „Ethik und Recht” eine Vielzahl von Berührungspunkten mit moderner Archivarbeit. Besonders hervorhebenswert ist dabei das erfrischende Verhältnis von theoretischen Überlegungen und Hintergründen (traumainformierte Archivpraxis, historische Gerechtigkeit, Voreingenommenheit in der Überlieferungsbildung) sowie konkret praktischen Umsetzungen und Anwendungsfeldern (Erfahrungen des Alevitisch-Bektaschitischen Kulturinstituts in Köln, Benennung marginalisierter Gruppen bei der Arbeit der Arolsen Archives oder digitale Erschließung der Intendanzakten des Naturhistorischen Museums Wien, um hier nur einige stellvertretend zu nennen). Abgerundet wurde dies durch starke Beiträge aus der internationale Perspektive mit Sprecher:innen und Gäst:innen aus Österreich, der Schweiz, Tschechien, Indien, Südafrika und der Türkei.
Ein inhaltlicher Schwerpunkt lag unter anderem auf dem Umgang mit „schwierigen” Beständen, beispielsweise aus dem (post-)kolonialen Erbe unserer Gesellschaft. Dabei ist zu beachten, dass die Metadatierung, Find- und Nutzbarkeit nie losgelöst von der Reflexion marginalisierter oder von historischer Ungerechtigkeit betroffener Gruppen erfolgen darf. Anders als vielfach angenommen ist die Beschreibung und Benennung von Metadaten von Archivalien nicht objektiv und wertfrei. Ebenso wenig sind Bewertungsentscheidungen und die daraus resultierende Überlieferungsbildung frei von der Subjektivität von Archivpersonen. Die sprachliche Verfasstheit beeinflusst zudem maßgeblich, wie historische Bestände beispielsweise gefunden, benutzt und ggf. inhaltlich vorstrukturiert werden. Konzeptionelle Arbeiten dazu gab oder gibt es bisher jedoch eher aus einer musealen und objektbezogenen Tradition heraus, in der bereits eine größere und intensivere Debatte über den Umgang mit kultursensiblen Artefakten oder Human Remains existiert. Hier ist wichtig zu betonen, dass das differenzierte Verhältnis von Sprache und Macht im Diskurs sehr entscheidend ist und dass Archive nicht frei davon sind, Teil von Macht- und Herrschaftsstrukturen zu sein.
Umso wichtiger ist es deshalb, auch darüber zu diskutieren, wie resiliente Kultureinrichtungen ausgestaltet werden sollten. Denn alle Überlegungen hinsichtlich einer angewandthen Ethik im Archivbereich fußen stets auf der Annahme bzw. der Möglichkeitsbedingung einer demokratisch strukturierten, pluralistischen Gesellschaft. Der Blick auf die Fuldaer Erklärung zeigt jedoch, dass eine Gesellschaft nur so "wetterfest" sein kann wie ihre stützenden Institutionen. Leider ist zunehmend zu beobachten, dass gegenläufige Kräfte diese Bedingungen aktiv angreifen und zu erodieren versuchen. An dieser Stelle stellt sich daher auch die spannende Frage nach dem Verhältnis von Recht und Ethik.
Obgleich Recht im luhmannschen Sinne teilautonom, autopoietisch und operativ geschlossen wirkt, lässt sich Legalität nicht ohne Moralität (ganz im kantischen Sinne) denken. Moralische Kommunikation produziert in ihrer Codierung (will man bei Luhmann bleiben) Achtung oder Missachtung bzw. macht implizite Bedingungen dieser sichtbar. Ethik wirkt hier als reflexives, wenn nicht gar retardierendes Momentum. Recht produziert hingegen „Recht/Unrecht” mit dem Ziel, normative Erwartungszusammenhänge stabil zu halten. Zusammengedacht ergibt sich daraus, dass sich die Legitimität des Rechts nicht in seiner Legalität erschöpft. Verdichtet in einem klassischen Rechtsgrundsatz: Non omne quod licet honestum est.
Wenn Archive also auch zukünftig als vertrauenswürdige und verlässliche Institutionen im Sinne einer „Ermächtigung, (historische) Ungerechtigkeiten sichtbar zu machen“ wirksam werden sollen, wird es nötig sein, als Kultur-, Wissens- und Gedächtniseinrichtung in den Austausch, die Vernetzung und den Diskurs einzutreten. Dies gilt sowohl mit Betroffenengruppen, Stakholdern und Einzelpersonen als auch für institutionelle Partner:innen und Einrichtungen, die im gleichen Bereich arbeiten. Geschaffene Zugänglichkeit ist dabei jedoch kein Wert an sich, denn dies denkt archivische Ethik verstärkt aus der Perspektive der Nutzung. Sie muss auch immer mit Barrierearmut und dem Schutz von Würde und Persönlichkeit zusammengedacht werden. Dies beginnt bereits bei der Überlieferungsbildung und kann alle Bereiche des archivischen Handelns durchwirken.
Reine Kontextualisierung wird dabei möglicherweise in Zukunft nicht mehr ausreichen. Durch die zunehmende algorithmisch getriebene Rekontextualisierung von Daten bei der Recherche, etwa im Internet, drohen Kontexte, Einordnungen, Disclaimer oder Inhaltshinweise zu verschwimmen oder zu verblassen. Dies gibt einen kleinen Eindruck von der Verantwortung, die Gedächtniseinrichtungen für die Reflexion gesellschaftlicher, technischer oder kultureller Entwicklungen mittragen und mittragen werden müssen.
Das Archivwissenschaftliche Kolloquium fand am 26. und 27.08.2026 in Marburg statt.
Tony Franzky
Zum Weiterlesen:
ICA Code of Ethics
https://www.ica.org/resource/ica-code-of-ethics/
https://www.ica.org/resource/ica-code-of-ethics/
Konferenzseite
https://www.archivschule.de/veranstaltungen/kolloquium/30-awk-data-ethics-for-archival-science-and-historical-research
https://www.archivschule.de/veranstaltungen/kolloquium/30-awk-data-ethics-for-archival-science-and-historical-research