Die digitale Welt im Blick

04.03.2020 | Der Papst tut es , immer mehr Bischöfe tun es und die meisten Pfarrgemeinden, Orden und Hilfswerke sowieso:

Sie alle engagieren sich als kirchliche Akteure in den sozialen Netzwerken. Social Media ist auch für Katholiken längst Realität und aus der kirchlichen Kommunikation nicht mehr weg zu denken.

Insofern mag es zunächst überraschen, dass sich die katholischen Bischöfe bei ihrer Vollversammlung in Hildesheim am Mittwoch ausführlich mit Social Media beschäftigten. Warum, so könnte man fragen, müssen die Bischöfe und Weihbischöfe bei einem Studientag über etwas reden, was längst fester Bestandteil der kirchlichen Verkündigungsstrategie ist?
Doch so einfach ist es natürlich nicht. Es stimmt zwar: Viele kirchliche Vertreter sind in den sozialen Netzwerken aktiv, für die Institution Kirche ist Social Media aber insgesamt noch weitgehend "Neuland". Und kirchliche Hierarchen, die in der Regel nicht der Generation der "Digital Natives" angehören, betrachten Facebook, Twitter und Co. durchaus skeptisch.
 
Vorurteile gegenüber Social Media abbauen
 
Der Studientag hatte deshalb das Ziel, mögliche Vorurteile gegenüber Social Media abzubauen und die Dynamik sozialer Netzwerke und deren rasant wachsenden Einfluss auch auf die kirchliche Kommunikation aufzuzeigen. Im Rahmen des Studientags hörten die Bischöfe dazu unter anderem Vorträge von Monsignore Paul Tighe , dem Sekretär des Päpstlichen Rates für die sozialen Kommunikationsmittel, und des Münchner Medienethikers Alexander Filipovic.
Während Tighe vor der Vollversammlung über die "Theologische Dimension der Sozialen Medien" sprach, beleuchtete Filipovic die sozialen Netzwerke aus medienethischer Perspektive. Darüber hinaus wurden den Bischöfen wie bei einer Messe an verschiedenen Ständen exemplarische Social-Media-Beispiele aus dem kirchlichen Raum präsentiert, darunter auch Projekte von katholisch.de. Das Interesse an diesem "Hands-on" genannten Programmpunkt war groß; zahlreiche Bischöfe nutzten über den Tag verteilt immer wieder die Gelegenheit, sich über Projekte wie die 72-Stunden-Aktion , den YouTube-Wettbewerb 1'31'' oder die Live-Berichterstattung via Twitter zu informieren.
Ebenfalls vor den Bischöfen sprach Ansgar Mayer. Der Social-Media-Experte, der die digitale Produktentwicklung von "Computer Bild" verantwortet, sieht die Kirche mit Blick auf die sozialen Medien vor großen Herausforderungen: "Es ist sicher nicht leicht, die Kirchenräume zu verlassen und auf die digitalen Marktplätze zu gehen", so Mayer im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Trotzdem müsse die Kirche den Mut haben, in den sozialen Netzwerken präsent zu sein. "Wer die Zielgruppe der heute 15- bis 30-Jährigen erreichen will, muss dort ansprechbar sein", betont der 42-Jährige, der auch einige Jahre als Studienleiter der katholischen Journalistenschule ifp tätig war.
Mayer macht die Bedeutung sozialer Netzwerke an einem markanten Beispiel deutlich: "Man muss sich vorstellen, dass im Zeitraum einer durchschnittlichen Predigt im Internet 50 Millionen Videos angeschaut, mehr als 25 Millionen Suchanfragen bei Google gestartet und eine Million Freundschaftsanfragen bei Facebook gestellt werden." Früher seien Kirchen und Bibeltexte die bevorzugten Orte für Sinnsucher gewesen. Heute suchten Menschen bei Google und Facebook nach Antworten - und wollten diese zudem sofort bekommen. "Das ist für eine Institution, die es gewohnt ist, sich Zeit zu lassen und Antworten auf Probleme reifen zu lassen, eine Herausforderung", so Mayer mit Blick auf die Kirche.
 
Bischöfe haben "Social Media Guidelines" veröffentlicht
 
Es wäre jedoch grundfalsch, kirchlichen Institutionen vorzuwerfen, den Megatrend Social Media verschlafen zu haben. Die Deutsche Bischofskonferenz beispielsweise beschäftigt sich schon seit Jahren intensiv mit dem Thema. 2012 hat die Konferenz die sozialen Netzwerke explizit als festen "Bestandteil der Lebenswirklichkeit vieler Menschen" begrüßt. Die mit den Netzwerken verbundenen Kommunikationsformen machten große kulturelle und soziale Veränderungen in der Dialogkultur möglich.
Darüber hinaus haben die Bischöfe sogenannte "Social Media Guidelines" veröffentlicht, die kirchlichen Mitarbeitern als Orientierungshilfe für den Umgang mit sozialen Netzwerken dienen sollen. Auch in den Guidelines betont die Bischofskonferenz den Nutzen von Social Media: "Dass Christinnen und Christen einander von ihrem Leben und ihren Glaubenserfahrungen erzählen, ist ein wesentliches Kennzeichen christlicher Gemeinschaft und Gemeinde, also auch der netzbasierten Gemeinde, der Community. So kann das soziale Netz ein erweiterter pastoraler Raum sein und Anregungen zu einem neuen und vertieften Gespräch über den Glauben geben".
Von Steffen Zimmermann